Bundesadler
Bundesarbeitsgericht 

Sachverhalt Moot Court 2013/2014



Peter Paulshügel betreibt von Erfurt aus seit langen Jahren das "Liebesschwank-Tournee-Theater", nachdem er vorher am Stadttheater Neustadt als Inspizient künstlerische Erfahrungen sammeln konnte. Es handelt sich dabei um ein Reisetheater, das Liebeskomödien aufführt. Die Veranstaltungen finden entweder - zu ca. 70 % - auf örtlichen Bühnen, z. B. in Schulen, oder zu ca. 30% - als "Romantische-Theater-Dinner" in Gasthäusern statt. Das Publikum der Dinner-Veranstaltungen soll sich bei einem guten Essen und einem guten Wein in romantischer Atmosphäre an den Stücken ergötzen.

Die Saison dauert mit Rücksicht auf die Sommerferien in den Schulen vom 15. September bis zum 15. Juni. Während der freien Zeit nehmen die Arbeitnehmer ihren Urlaub. Außerdem werden neue Stücke geprobt oder das alte Repertoire aufgefrischt. Die Stücke sucht Paulshügel selber aus. Er holt sich für die Inszenierungen junge Regisseure, die noch auf der Suche nach einem Engagement sind und den Verdienst, den ihnen Paulshügel bietet, zu schätzen wissen. In der Schauspieltruppe sind regelmäßig 15 Schauspieler und Schauspielerinnen tätig. Außerdem gibt es eine technische Unterstützungsgruppe, bestehend aus einem Busfahrer, der den Theaterbus fährt, zwei Beleuchtern, einer Maskenbildnerin sowie vier Bühnenarbeitern, die für den Transport der Kostüme und Kulissen sowie den Aufbau der Kulissen zuständig sind. Im Büro sind zudem zwei Verwaltungskräfte beschäftigt. Alle Beschäftigten stehen in einem Arbeitsverhältnis.

Seele der Tourneen ist, da Paulshügel sich zu alt fühlt um noch mitzureisen und sich lieber zu Hause um die Organisation kümmert, Kurt Knorrig, der sich mit Ende Vierzig jung genug fühlt, um die Aufgabe zu übernehmen und früher selbst als Schauspieler bei mehreren Bühnen tätig war. Er wohnt den Proben bei, um ein Gefühl für die Inszenierung zu bekommen. Auf den Tourneen sorgt er dafür, dass die Aufführungen reibungslos vonstatten gehen. Dazu gehört die Klärung der technischen Voraussetzungen vor Ort, die Inanspruchnahme der vorab gebuchten Zimmer und die sonstige Organisation. Soweit die Aufführungen in Restaurants stattfinden, hat Knorrig die Durchführung der Aufführung den örtlichen Gegebenheiten anzupassen. Falls diese Gegebenheiten oder auch Besonderheiten der einzelnen Bühnen eine Umsetzung des Gesamtkonzepts der Aufführung nicht ermöglichen, hat er gelegentlich auch in dem durch diese Notwendigkeiten unbedingt erforderlichen Umfang Anpassungen der Aufführungen vorzunehmen. Das kommt bei den örtlichen Bühnen ungefähr bei jeder dritten Aufführung vor. Zudem steht Knorrig den Schauspielerinnen und Schauspielern für Rückfragen zur Verfügung und berichtet Paulshügel über die Qualität der Aufführungen und der Schauspielerinnen und Schauspieler sowie über den Erfolg beim Publikum.

Knorrig's Gehalt beträgt derzeit 3.250,00 Euro. Daneben erhält er auch Spesen. Sein Arbeitsvertrag vom 19. Juli 2006 lautet auszugsweise:

"Zwischen dem "Liebesschwank-Tournee-Theater", Inhaber Peter Paulshügel, … - nachfolgend Arbeitgeber - einerseits

und

Kurt Knorrig … - nachfolgend Arbeitnehmer - andererseits

wird folgender Arbeitsvertrag geschlossen:

1. Der Arbeitnehmer wird als "Leiter Organisation Aufführungen" eingestellt. Er hat die organisatorische Leitung der vom Arbeitgeber durchgeführten Tourneen. In diesem Rahmen hat er auch künstlerische Aufgaben zu erfüllen, insbesondere in den Grenzen des vorgegebenen Inszenierungskonzepts notwendige Anpassungen vorzunehmen, die Qualität der Aufführungen sowie die Wirkung beim Publikum zu beobachten und dem Arbeitgeber die sich daraus ergebenden Erkenntnisse mitzuteilen. Weitere Einzelheiten werden arbeitgeberseitig festgelegt.

5. Das Arbeitsverhältnis beginnt am 1. August 2006 und ist im Hinblick auf die künstlerische Tätigkeit des Arbeitnehmers bis zum 31. Juli 2007 befristet. Soweit nicht eine Partei bis zum 31. Mai eines Jahres gegenüber der anderen schriftlich anzeigt, dass sie das Arbeitsverhältnis nicht weiter verlängern will, verlängert es sich jeweils bis zum 31. Juli des Folgejahres.

…"

Die Arbeitsverträge der Schauspieler enthalten gleiche Klauseln zur Befristung und Verlängerung. Bislang haben weder Knorrig noch Paulshügel eine entsprechende Anzeige gegenüber dem anderen Vertragspartner gemacht. Das lag daran, dass die Zusammenarbeit hervorragend lief.

In der Saison 2012/2013 erreichen Paulshügel Berichte einiger jüngerer Schauspieler, dass Manny von Männchen, der Darsteller des Liebhabers, ausgelaugt sei und nicht mehr den Charme rüberbringe, den man von ihm erwarten könne. Paulshügel befragt Knorrig, ob er das auch so sehe. Knorrig verneint das. Als einige Aufführungen in der Aula der August-Bebel-Gesamtschule in Altdorf stattfinden, erinnert sich Paulshügel, dass sein alter Freund Markus Muse, ehemals Tonmeister beim Stadttheater Neustadt, dort wohnt. Er bittet ihn, sich die Vorführungen einmal anzusehen. Der findet, so richtig schlecht sei von Männchen zwar nicht, aber er habe auch schon bessere Zeiten gesehen. Entsprechend unterrichtet er Paulshügel. Der kommt daraufhin zu der Ansicht, die nachwachsende Jugend müsse auch eine Chance erhalten, so wie er es seinerzeit beim Stadttheater Neustadt gelernt hat.

Das teilt er Knorrig am 19. März 2013 mit. Diese Mitteilung erwähnt Knorrig nach einer Vorstellung am 26. März 2013, als die Schauspieler noch bei einem Glas Wein in der Pizzeria "Da Toni" zusammensitzen, während von Männchen sich schon zur Ruhe begeben hat. Von Männchen hat eine große Unterstützung bei der Truppe, weil er vielen Kollegen mit Rat und Tat zur Seite gestanden hat. Deshalb gibt es eine helle Aufregung in der Runde. Während der Chianti weiter fließt, finden sich einige, die meinen, man solle doch die eigene Auffassung unbedingt Peter Paulshügel mitteilen. Der Wirt steht mit einem Schreibblock bereit und der Darsteller des Butlers, Dieter Diener, entwirft ein Schreiben, das wie folgt lautet:

"Sehr geehrter Herr Paulshügel,

uns ist bekannt geworden, dass Sie beabsichtigen, ab der nächsten Saison unseren Kollegen von Männchen nicht mehr weiter zu beschäftigen. Wir können dafür keine Gründe erkennen. Der Kollege ist ein fähiger Schauspieler, der seine Rolle vollständig ausfüllt. Er kommt auch beim Publikum gut an. Qualität liegt nicht nur in der Jugend, sondern auch in der Erfahrung.

Wir fordern Sie auf, Ihre Entscheidung nochmals zu überdenken. Das täte auch dem Betriebsklima in unserer Truppe gut. Daran muss auch Ihnen gelegen sein.

Mit freundlichen Grüßen

…"

Das Schreiben wird von sieben Schauspielern unterzeichnet. Knorrig nimmt es an sich. Am nächsten Morgen - die Schauspieler sind noch auf dem Weg zum Frühstück, Knorrig muss aber schon einige technische Fragen der Aufführung klären - schreibt er ein kurzes Begleitschreiben an Paulshügel und steckt es mit dem Schreiben der Schauspieler zusammen in den Briefkasten. Das Begleitschreiben, das Paulshügel zusammen mit dem Schreiben der Schauspieler erreicht, lautet:

"Sehr geehrter Herr Paulshügel!

Im Auftrag einiger Schauspieler leite ich Ihnen das beiliegende Schreiben weiter. In der Sache sehe ich die Dinge genauso. Ich hoffe, es wird sich eine Regelung finden lassen.

Herzlichst

Ihr

Kurt Knorrig"

Am 5. April 2013 erreicht Knorrig die schriftliche Anzeige, dass Peter Paulshügel nicht beabsichtigt, das Arbeitsverhältnis der Parteien weiter zu verlängern. Von Männchen erhält bis Ende Mai 2013 keine derartige Anzeige.

Eingehend am 7. Mai 2013 beim Arbeitgericht Erfurt erhebt Kurt Knorrig Klage gegen Peter Paulshügel, die ohne Verzögerung zugestellt wird. Knorrig beantragt,

    1. festzustellen, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien aufgrund der Befristung zum 31. Juli 2013 nicht beendet ist.

    2. hilfsweise, den Beklagten zu verpflichten, ihm ein Angebot auf Abschluss eines Arbeitsvertrages über den 31. Juli 2013 hinaus für ein weiteres Jahr zu den Bedingungen des Arbeitsvertrages vom 19. Juli 2006 zu machen.

    3. weiter hilfsweise, den Beklagten zu verpflichten, ihm - dem Kläger - eine Entschädigung in Höhe von 15.000,00 Euro zu zahlen.

Paulshügel beantragt, die Klage abzuweisen.

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